Der Zugang zu Strategischen Metallen wie Seltenen Erden, Gallium und Germanium wird zunehmend zur Frage der Verteidigungsfähigkeit. Die Experten von TRADIUM erläutern, warum sich die Konkurrenz um die Rohstoffe verschärft und welche Folgen dies für Industrie und Militär hat.
Regierungen in Europa, den Vereinigten Staaten und Asien erhöhen ihre Militärausgaben. Gleichzeitig beeinträchtigen Exportkontrollen, geopolitische Spannungen und störanfällige Lieferketten weiterhin die Verfügbarkeit Kritischer Rohstoffe. Die TRADIUM-Experten Jan Giese und Brian Hendrich erläutern die jüngsten Marktentwicklungen und schätzen ein, wie herausfordernd die Rohstoffversorgung der Verteidigungsindustrie noch werden könnte.
Was war zuletzt die bedeutendste Entwicklung an den Rohstoffmärkten?
Jan Giese, Head of Sales & Trading bei TRADIUM: Die Märkte für Seltene Erden und viele Technologiemetalle sind sehr angespannt und stehen unter dem Einfluss von Chinas zunehmend selektiv eingesetzten Exportkontrollen. Anfang dieses Jahres untersagte Peking die Ausfuhr Kritischer Rohstoffe an bestimmte Abnehmer in Japan. Aus Sicht der chinesischen Regierung wird davon ausgegangen, dass diese zur militärischen Aufrüstung des Landes beitragen könnten. Zwar wurde die Ausfuhr einiger Materialien teilweise wieder aufgenommen. Dennoch besteht für Japan langfristig weiterhin das Risiko, von Lieferungen abgeschnitten zu werden. Denn die Exportkontrollen bleiben hochselektiv und politisch motiviert. In den vergangenen Monaten hat sich dieser Trend verstärkt. China hat seine Exportkontrollmaßnahmen ausgeweitet und weitere japanische und US-amerikanische Unternehmen auf entsprechende Kontrolllisten gesetzt. Seit Ende Juli stehen auch 14 Unternehmen aus der EU auf der Liste. Dies untermauert den Eindruck, dass der Zugang zu Kritischen Rohstoffen inzwischen deutlich offener als geopolitisches Instrument eingesetzt wird.
Welche Materialien stehen derzeit am stärksten unter Druck?
Brian Hendrich, Marktanalyst bei TRADIUM: Dazu zählen Germanium, Gallium, schwere Seltene Erden wie Dysprosium und Terbium, aber auch Yttrium, Hafnium, Wolfram sowie Materialien auf Samarium-Basis. Bei mehreren dieser Metalle hat sich das Preisniveau bereits spürbar erhöht. Germanium wird in Infrarotoptiken und modernen Sensoren eingesetzt, während Gallium für hochentwickelte Halbleiter unverzichtbar ist. Schwere Seltene Erden wie Dysprosium und Terbium sind für leistungsstarke Permanentmagnete erforderlich, die auch bei hohen Temperaturen zuverlässig funktionieren müssen. Dies ist eine typische Anforderung in militärischen Systemen.
Warum bilden öffentliche Marktpreise häufig nur einen Teil der Realität ab?
Jan Giese: Yttrium zeigt besonders deutlich, wie angespannt einige Märkte inzwischen sind. Früher kostete das Material nur wenige US-Dollar pro Kilogramm, doch seitdem sind die Preise um ein Vielfaches gestiegen. Yttrium wird zur Beschichtung von Metallen eingesetzt, die über längere Zeit großer Hitze und Belastung ausgesetzt sind, etwa in Turbinenschaufeln. Veröffentlichte Preisspannen lassen sich zudem nicht ohne Weiteres auf die tatsächliche Marktsituation übertragen. Während kleinere Mengen häufig noch zu den notierten Preisen gehandelt werden, sind größere Volumina oft nur mit erheblichen Aufschlägen erhältlich, mit längeren Lieferzeiten verbunden oder am Markt überhaupt nicht verfügbar. Die physische Verfügbarkeit eines Rohstoffs bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass er auch in den benötigten Mengen kurzfristig beschafft werden kann. Die Herausforderung besteht oft nicht allein darin, ein Material zu beschaffen, sondern qualifizierte Produkte zu erhalten, dessen Herkunft, Dokumentation und Logistik den aktuellen Beschaffungsanforderungen entsprechen.
Wie reagieren Unternehmen der Verteidigungsindustrie auf diese Herausforderungen in den Lieferketten?
Brian Hendrich: Sie betrachten Kritische Rohstoffe zunehmend als Bestandteil der Verteidigungsbereitschaft und nicht mehr nur als normale Beschaffungspositionen. Die entscheidende Veränderung besteht darin, dass die physische Versorgungssicherheit inzwischen Vorrang vor der reinen Preisabsicherung hat. Das Interesse an strategischer Lagerhaltung, langfristigen Liefervereinbarungen, alternativen Bezugsquellen außerhalb Chinas, Recyclingmöglichkeiten und der Qualifizierung von Sekundärmaterialien nimmt weiter zu. Langfristige Abnahmeverpflichtungen sind mittlerweile der wichtigste Schlüssel zur Erschließung von Finanzmitteln für den Bergbau. Ohne einen Kunden, der bereit ist, einen Zehnjahresvertrag zu unterzeichnen, werden keine Bergwerke errichtet. Damit wird die Sicherung des künftigen Zugangs zu Kritischen Rohstoffen zunehmend zu einem Bestandteil der Verteidigungsbereitschaft selbst.
Wer ist in der stärksten Position, um sich die Materialien zu sichern?
Jan Giese: Wir beobachten deutlich, dass US-amerikanische und auch japanische Käufer häufig schneller und entschlossener handeln als viele europäische Industrieunternehmen, sobald strategische Materialien verfügbar sind. Die US-Unternehmen haben sich über mehrere Jahre hinweg auf die angespanntere Versorgungslage eingestellt. Unterstützt wurden sie dabei durch staatliche Fördermittel, Bevorratungsmaßnahmen und langfristige Beschaffungsinitiativen. Japanische Firmen profitieren ebenso von einem gut ausgebauten nationalen Rahmenwerk für kritische Mineralien. Europäische Marktteilnehmer durchlaufen dagegen häufig längere Beschaffungs- und Genehmigungsverfahren. Infolgedessen geht es im Wettbewerb zunehmend nicht mehr darum, wer bereit ist, den höchsten Preis zu zahlen, sondern darum, wer zuerst bereit und in der Lage ist, sich festzulegen.
Welche Risiken entstehen daraus für europäische Unternehmen der Verteidigungsindustrie?
Brian Hendrich: Sie sehen sich mit mehreren sich verstärkenden Risiken konfrontiert: Abhängigkeit von chinesisch kontrollierten Raffinations- und Separationskapazitäten, Unsicherheit hinsichtlich der Exportkontrollen, lange Qualifizierungszyklen, eine begrenzte Transparenz der vorgelagerten Lieferketten und Wettbewerbsnachteile gegenüber kapitalstärkeren US-Käufern. Das Risiko besteht nicht immer in einem unmittelbaren, vollständigen Versorgungsengpass. Häufiger kommt es zu Lieferverzögerungen, höheren Preisaufschlägen, unvollständiger Dokumentation und anhaltender Unsicherheit über künftige Genehmigungen.
Was ist heute das größte Missverständnis in Bezug auf Kritische Rohstoffe?
Jan Giese: Die eigentliche Herausforderung besteht heute häufig nicht darin, zu wissen, wo Material verfügbar ist, sondern sich den Zugang vor anderen Marktteilnehmern zu sichern.
Über Jan Giese
Jan Giese ist Head of Sales & Trading bei der TRADIUM GmbH in Frankfurt. Der ausgewiesene Experte für Seltene Erden und Minor Metals wie Gallium und Germanium arbeitet seit 2022 bei dem internationalen Rohstofflieferanten. Zuvor leitete er den weltweiten Einkauf der Heraeus Quarzglas GmbH und vertiefte dabei seine Erfahrung im globalen Rohstoffmarkt.
Über Brian Hendrich
Brian Hendrich ist Junior Trader & Market Analyst bei der TRADIUM GmbH in Frankfurt. Der Rohstoffexperte mit Fokus auf Seltene Erden und Minor Metals ist seit 2023 bei dem internationalen Rohstofflieferanten tätig und verbindet dort fundierte Marktanalyse mit redaktioneller Expertise. Seit 2026 ist er auch im operativen Handel involviert und baut damit seine Erfahrung im globalen Rohstoffmarkt kontinuierlich aus.