In komplexer Waffentechnik kommt es mitunter auf unscheinbare Bestandteile an. Der Beitrag zeigt, warum spezielle Materialien trotz ihres geringen Mengenanteils für die Fertigung solcher Systeme kaum ersetzbar sind.*
Ob Drohnen, Kampfflugzeuge, gepanzerte Fahrzeuge oder Luftabwehrsysteme: Moderne Militärtechnik ist auf eine Vielzahl Kritischer Rohstoffe angewiesen. Schon wenige Gramm können für Sensorik, Kommunikation, Steuerung oder Zielerfassung von großer Bedeutung sein. Entscheidend ist dabei jedoch nicht allein die eingesetzte Menge. Wie in zivilen Anwendungen sind es vor allem die besonderen chemischen und physikalischen Eigenschaften dieser Rohstoffe, die bestimmte Funktionen erst ermöglichen.
Kleine Mengen, wichtige Funktionen
Drohnen verdeutlichen dieses Prinzip besonders anschaulich. In ihren Antrieben, Batterien und Sensoren kommen verschiedene Spezialrohstoffe zum Einsatz, die jeweils sehr unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) schätzt den weltweiten Bedarf für Drohnen und andere elektrisch betriebene Luftfahrzeuge im Jahr 2023 unter anderem auf 38 Tonnen Neodym, 4,3 Tonnen Dysprosium und 1,6 Tonnen Germanium. Bis 2045 könnte der Bedarf deutlich steigen: Je nach Szenario rechnet die DERA bei Neodym mit 165 bis 733 Tonnen, bei Dysprosium mit 10,5 bis 105 Tonnen und bei Germanium mit 5,6 bis 6,8 Tonnen.
Der wachsende Einsatz von Drohnen erhöht zugleich den Bedarf an Technik zu ihrer Erkennung und Abwehr. Halbleiter auf Basis von Gallium werden etwa in Radarsystemen, der elektronischen Kampfführung und der Hochfrequenzkommunikation eingesetzt. Germanium spielt eine wichtige Rolle in Infrarotoptiken und Wärmebildtechnik.
Dr. Christian Hell, Senior Manager Germanium & Minor Metals bei TRADIUM: „Die Versorgungslage bei Germanium ist äußerst kritisch, um nicht zu sagen dramatisch. Ohne den Rohstoff können bei vielen modernen Waffensystemen zentrale Infrarot- und Wärmebildfunktionen ausfallen. Im übertragenen Sinne werden sie damit blind.“
Schutz, Munition und Zündtechnik
Andere Rohstoffe kommen vor allem bei Panzerungen und Munition zum Einsatz. Borcarbid eignet sich aufgrund seiner Härte und seines vergleichsweise geringen Gewichts für die Herstellung von Schutzkeramik. Legierungen mit Wolfram werden wegen ihrer hohen Dichte unter anderem für panzerbrechende Munition und bestimmte Panzerungsanwendungen verwendet.
Frank Meier, Senior Manager Minor Metals bei TRADIUM: „Bei Wolfram sehen wir neben den zivilen Anwendungen einen stark wachsenden zusätzlichen Bedarf aus dem militärischen Bereich. Dort wird der Rohstoff vor allem in Form von Wolframlegierungen für verschiedene Arten von Munition und Panzerungen eingesetzt. Durch die zahlreichen Konflikte weltweit werden zusätzliche Mengen in Munition und bestimmten Flugkörpern gebunden. Beim Einsatz gehen diese Materialien dem Rohstoffkreislauf in der Regel verloren.“
Thomas Grob, Head of Metal Powders & PGM Compounds bei TRADIUM: „Bor, Titan und Zirkon sind weltweit in ausreichenden Mengen vorhanden. Akute Engpässe bei der Verarbeitung zeichnen sich derzeit ebenfalls nicht ab. In Pulverform spielen sie bei bestimmten Zünd- und pyrotechnischen Mischungen unter anderem für Munition eine wichtige Rolle. Entsprechend wichtig bleiben verlässliche Liefer- und Verarbeitungsketten.“
Was über den Materialbedarf bekannt ist
Wie viel dieser und anderer Materialien in einzelnen militärischen Systemen steckt, lässt sich allerdings nur schwer beziffern. Die Mengen unterscheiden sich je nach System und Bauvariante, detaillierte Angaben sind zudem aus Gründen der Geheimhaltung häufig nicht öffentlich verfügbar. Eine ältere Schätzung von US-Behörden rechnet einem U-Boot der Virginia-Klasse beispielsweise rund 4,2 Tonnen Seltenerdmaterialien zu, ohne diese nach einzelnen Elementen aufzuschlüsseln.
Über das Versorgungsrisiko sagen solche Zahlen allerdings wenig aus. Entscheidend ist vielmehr, ob das benötigte Material in der erforderlichen Qualität, in der richtigen Verarbeitungsstufe und aus zulässigen Lieferketten verfügbar ist. Warum gerade die im Vergleich zur zivilen Industrie geringe Nachfrage der Verteidigungsindustrie die Beschaffung erschwert, beleuchten wir im zweiten Teil.
*Im Text sowie in der Grafik werden eine Auswahl enthaltener Rohstoffe in einigen militärischen Anwendungen genannt. Die Aufzählungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.