Ein leeres Lagerhaus

Germanium-Engpass: „Uns fehlt jetzt schon eine ganze Weltjahresproduktion“

Alle haben es kommen sehen, nur gehandelt hat kaum jemand. Die weltweite Versorgung mit Germanium steht vor einer Zerreißprobe. Wie konnte es so weit kommen und was lässt sich jetzt noch retten?

China liefert kaum noch Germanium, im Juni lag der Export fast bei null. Alternative Bezugsquellen sind äußerst selten und befinden sich – wenn überhaupt – erst im Aufbau, während die Industrie dringend Nachschub braucht. Ein Gespräch mit TRADIUM-Experte Dr. Christian Hell über strategische Versäumnisse, wirtschaftliche Zwickmühlen und die längst nötige Abkehr von kurzfristigem Krisenmanagement und einer gewissen Blauäugigkeit. Er empfiehlt eine strategische, stabile und vorausschauende Rohstoffbeschaffung.

Sie sprechen von einem dramatischen Angebotsdefizit bei Germanium. Wie groß ist die Lücke derzeit?
Dr. Christian Hell, Senior Manager Germanium and Minor Metals: Vergleicht man das erste Halbjahr 2024 mit dem ersten Halbjahr 2025, zeigt sich ein Rückgang der Exporte um fast 60 Prozent. Beim Endkunden fehlen dadurch mindestens 30 Prozent der bestellten Mengen – zusätzlich zum kurzfristigen und mittelfristigen Bedarf für die laufende Produktion. Wenn man berücksichtigt, dass eigentlich auch strategische Lagerbestände vorhanden sein sollten, landet man schnell bei einer Lücke von rund 145 Tonnen für Europa. Das entspricht einer ganzen Weltjahresproduktion, die fehlt. Während also hierzulande das Material knapp wird, hat sich China in den vergangenen Monaten selbst einen strategischen Vorrat in genau dieser Größenordnung zugelegt. Die Nachfrage ist riesig, aber China kontrolliert die Ausfuhren sehr genau. Das sorgt für eine Schieflage, wie wir sie in diesem Ausmaß und dieser Deutlichkeit selten erlebt haben. Unter den gegebenen Umständen wird das Defizit Monat für Monat weiterwachsen. Und zwar deutlich.

War das nicht absehbar? Die Exportrestriktionen gelten nicht erst seit gestern.
Das stimmt. Und genau das ist das eigentliche Problem. Der erste Schock kam im Sommer 2023, als Peking Ausfuhrkontrollen für Germanium sowie den ebenfalls kritischen Rohstoff Gallium eingeführt hat. Angesichts der großen Abhängigkeit von China hätte man sich sofort und ernsthaft um Alternativen bemühen müssen. Passiert ist aber nicht viel. Jetzt hat man sich zwar endlich dazu durchgerungen, internationale Rohstoffketten ohne China aufbauen zu wollen. Doch das hätte längst geschehen müssen. Der Rückstand ist sehr groß und er wächst mit jedem Monat unaufhaltsam weiter.

Was genau steht diesem Aufbau im Weg?
Zunächst einmal kostet es Geld und es braucht Zeit. Der Aufbau einer unabhängigen Wertschöpfungskette und eines geschlossenen Versorgungskreislaufs bindet massiv Kapital, erfordert Know-how und ist insbesondere in Europa mit hohen Personal- und Energiekosten verbunden. Das bedeutet: Die Preise für nicht-chinesisches Material werden sich dauerhaft auf höherem Niveau einpendeln. Genau hier beginnt das Dilemma.

Inwiefern?
Sollte China die Restriktionen kurzfristig wieder aufheben und den Markt mit günstigem Material fluten, stehen dem Markt wieder große Mengen an Material zur Verfügung. Die Folge dürften fallende Preise sein und ein hohes Risiko, dass die alternativen Strukturen wirtschaftlich wegbrechen. Dann steht man mit einem teuren Eigensystem da, das sich plötzlich nicht mehr trägt. Strategisch wäre das aus Sicht Pekings klug, für Europa hätte das fatale Folgen. Dieses Spiel der Chinesen kann immer wieder neu gespielt werden.

Was wäre die richtige Reaktion auf diese Lage?
Ein klares Commitment sowie schnelles und entschlossenes Handeln. Sowohl von den Regierungen als auch von den Unternehmen, die die Rohstoffe verarbeiten. Die bisherige Praxis, nur beim billigsten Anbieter zu kaufen, führt in der aktuellen Lage nicht mehr weiter. Nachhaltigkeit, Regionalität und strategische Planung spielen beim Materialeinkauf vielerorts längst eine Rolle. Das sollte auch für kritische Rohstoffe gelten. Wer Versorgungssicherheit will, muss bereit sein, langfristig zu investieren, auch wenn es kurzfristig mehr kostet.

Was heißt das für die Beschaffung im Hier und Jetzt?
Die klassische Just-in-time-Logik funktioniert bei Kritischen Rohstoffen nicht mehr. Wer Versorgungssicherheit will, muss umdenken: langfristig planen, vorausschauend handeln und eigene, verlässliche Strukturen in Europa aufbauen. Alles andere bleibt Krisenmanagement. Die eigentliche Frage lautet längst: Wer baut sich endlich etwas Eigenes auf? 

Das Technologiemetall Germanium

Germanium ist ein Technologiemetall, das vor allem als Nebenprodukt bei der Zinkerzgewinnung entsteht. Es spielt eine zentrale Rolle in verschiedenen Hightech-Anwendungen. Zu den wichtigsten Einsatzgebieten zählen Glasfaserkabel für schnelle Datenverbindungen, Halbleiterbauelemente wie Mikrochips und Speicher sowie optische Linsen für Infrarotkameras.
Die weltweite Förderung wird vor allem von China dominiert, gefolgt von Russland. Die meisten Raffinerien befinden sich bislang in den beiden Ländern. Europa und Nordamerika verfügen aktuell kaum über eigene Verarbeitungs- und Aufbereitungskapazitäten, um die Abhängigkeit von einzelnen Ländern zu verringern.
Seit dem Sommer 2023 unterliegt der Export des Metalls aus China strengen Auflagen. Diese führen häufig zu Verzögerungen oder verhindern die Lieferung ganz. Im Dezember 2024 verhängte Peking sogar ein komplettes Verbot für Ausfuhr von Germanium und anderen Dual-Use-Gütern in die Vereinigten Staaten.

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